Der Arzt hat uns die Diagnose für das seltsame Verhalten meines Vaters mitgeteilt: „Demenz“. Ich habe keine Ahnung, was mich jetzt erwartet. Ich weiß jedoch, dass wir die Herausforderung gemeinsam angehen werden. So sind wir nun einmal. Ich werde ihn täglich einige Übungen machen lassen, seinen Geist anregen und so vermeiden, dass diese Krankheit unser Leben beherrscht.   

Es ist gut, positiv zu denken. Was Ihnen bevorsteht, kann niemand vorhersagen. Fakt ist, dass Demenz ein unumkehrbarer Prozess ist und Sie schrittweise mit Verlusterfahrungen konfrontiert werden. Diesen Verlust können Sie auf jeden Fall in der Anfangsphase einschränken, indem Sie die noch vorhandenen Möglichkeiten nutzen: Beteiligen Sie Ihren Vater an allem, was um ihn herum passiert, laden Sie Angehörige ein, gehen Sie mit ihm einkaufen, lassen ihn die Zeitung lesen.

Lassen Sie ihn in seinem Tempo einige Aufgaben selbstständig erledigen. Sie müssen allerdings auch einsehen, dass diesen „Übungen“ Grenzen gesetzt sind. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird er einiges nicht mehr schaffen, und dann ist es gut, dies zu akzeptieren. Sie müssen allmählich seine Aufgaben übernehmen, ohne ihn zu sehr damit zu konfrontieren. Dies vermittelt dem Patienten ein Gefühl von Sicherheit: „Wenn ich es nicht mehr schaffe, dann wird für mich gesorgt.“  Personen mit Demenz strengen sich immer bis zum Äußersten an, sie kämpfen gegen die Verschlechterung ihres körperlichen und geistigen Zustands. Wenn sie bestimmte Aufgaben nicht mehr erledigen können, ist es für sie sehr frustrierend, wenn die Umgebung sie weiterhin bedrängt. Die Betroffenen können darauf reagieren, indem sie trotzig oder depressiv werden

Seitdem der Arzt die Diagnose „Demenz“ bei meinem Ehemann gestellt hat, verhalten sich alle in meiner Umgebung seltsam. Unsere Nachbarn und Familienmitglieder sprechen über ihn, als ob er nichts mehr verstehen würde und das, während er dabei ist. Ich sehe dann, dass er sehr traurig wird.   

Viele Menschen wissen nicht, wie man am besten mit Demenzkranken umgeht. Obwohl sie es nicht böse meinen, fangen sie an, sie wie ein kleines Kind zu behandeln. 

Wir müssen nicht nur herausfinden, wie wir selbst am besten mit der dementen Person umgehen, sondern müssen auch die Umgebung „umerziehen“. So kann man Besuchern zeigen, dass es auch anders geht, indem man den Ehepartner immer wieder am Gespräch beteiligt und die Fragen, die man Ihnen stellt, an ihn weiterleitet. Fragen Sie ihn deutlich nach seiner Meinung und hören Sie sich an, was er zu sagen hat. Dies führt zu einer offenen Kommunikation, und auch andere Menschen werden ihn wieder ansprechen.

Ich kann nichts mehr richtig machen. Was ich auch tue, meine Mutter ist mir immer böse.

Vor allem in der Anfangsphase einer Demenz machen sich Wut und aggressives Verhalten häufig bemerkbar. Dies ist oft ein Ausdruck der Ohnmacht: Menschen mit Demenz spüren, dass sie die Kontrolle über ihr Leben verlieren und sich ihr Zustand verschlimmert. Sie haben Angst vor dem, was mit ihnen passiert und noch passieren wird. Ihre Wut ist eine emotionale Reaktion auf die Verschlechterung ihres psychischen Zustands. Das ist auch der Grund, weshalb Personen mit Demenz sehr schnell ungehalten werden, häufig wenn man es nicht erwartet. Der Anlass ist meistens eine Nichtigkeit: eine Behauptung, eine gut gemeinte Bemerkung, eine Handlung des Pflegers. Sie müssen diese Ausbrüche nicht sofort eindämmen.   

Geben Sie dem Menschen mit Demenz ruhig Zeit, seine Wut herauszulassen. Wenn man beginnt, mit ihm zu diskutieren und mit Konsequenzen zu drohen, wie: „Wenn du nicht gleich aufhörst zu schreien, schicke ich dich ins Altenheim!“, wird sein Vertrauen in Sie erschüttert. Versuchen Sie herauszufinden, warum die Person mit Demenz wütend ist. Häufig ist ihre Wut auf Trauer, Angst oder Unsicherheit zurückzuführen, weil sie merkt, dass sie zunehmend die Kontrolle verliert.   

Personen mit einer beginnenden Demenz können beispielsweise wütend und aggressiv werden, wenn man sie etwas machen lässt, dass sie nicht mehr können, oder wenn man ihnen etwas verbietet, wovon sie denken, dass sie es noch schaffen. Auch Scham während der Körperpflege kann aggressives Verhalten auslösen. Setzen Sie sich dann neben den Betroffenen und sagen Sie ihm, dass Sie verstehen können, dass er wütend ist und dass Sie an seiner Stelle auch wütend oder traurig wären. Hören Sie sich an, was die Person zu sagen hat und versuchen Sie, das Problem zu enttabuisieren und darüber zu sprechen.

Mein Partner schikaniert mich ständig und beschuldigt mich zu Unrecht.   

Sehr schmerzhaft und häufig frustrierend für die unmittelbare Umgebung ist das Misstrauen der Menschen mit Demenz. Dieses Misstrauen ist auf Gedächtnisversagen zurückzuführen. So hat der Betroffene vergessen, wo er etwas hingelegt hat, und findet es nicht mehr. Dann liegt der Gedanke an Diebstahl nahe. Auf diese Weise schützt die Person mit Demenz ihr Selbstwertgefühl: Nicht sie hat etwas vergessen, sondern jemand anders hat es weggenommen!

Misstrauen kann jedoch auch die Folge des beängstigenden Gefühls sein, dass man die Kontrolle über sein Leben verliert.  Wenn ein Mensch mit Demenz Sie beschuldigt, tut er dies nicht, um Sie zu schikanieren. Die Verdächtigungen sind seine Art, die Zweifel und das Gefühl von Ohnmacht und Bedrohung zum Ausdruck zu bringen.

Versuchen Sie, sich die Beschuldigungen aufmerksam anzuhören und darüber nachzudenken, um die Hintergründe und Beweggründe zu ermitteln. Wenn man der Person mit Demenz ein Suchverbot auferlegt, wird sie sich nur noch mehr Sorgen machen. Es kann helfen, die „gestohlenen“ Gegenstände gemeinsam zu suchen oder die Zweifel und das Gefühl der Ohnmacht anzuerkennen, indem Sie die Person direkt darauf ansprechen: „Ich merke, dass du dich nicht sicher fühlst. Du hast das Gefühl, dass du bestohlen wirst.“  Das Misstrauen kann auch auf Schwerhörigkeit zurückzuführen sein. Situationen oder Gespräche werden falsch interpretiert, weil sie nur zur Hälfte verstanden werden. Regelmäßige Hörkontrollen sind deshalb wichtig. Wenn geflüstert oder „über den Kopf des Betroffenen hinweg“ geredet wird, führt dies häufig zu Misstrauen.

Der Arzt stellte nach einer ausführlichen Untersuchung die Diagnose: Alzheimer. Meine Frau fragt mich regelmäßig, was der Arzt genau gesagt hat, ich traue mich aber nicht, mit ihr darüber zu reden. Wenn sie wissen würde, welche Krankheit sie hat, wäre das eine Tragödie.   

Die Diagnose „Demenz“ trifft sowohl die Patienten als auch die Umgebung hart. Die Erkenntnis kommt einer Tragödie gleich. Wenn man die Krankheit jedoch enttabuisiert und sie bespricht, kann das die Tragödie erträglicher machen. Ehrlichkeit kann schmerzhaft sein, festigt jedoch auch das gegenseitige Vertrauen. So können beide Parteien einige Vereinbarungen treffen, Gefühle zum Ausdruck bringen oder die Zukunft planen. Wenn man über die Krankheit spricht, kann man sie besser einordnen. Eine Diagnose bedeutet noch nicht das Ende, sondern es kann noch eine lange Zeit mit vielen schönen Momenten folgen.